21 December 2014

Werner Rosenbergers «Im Cottage»

Im Cottage Buch 2014 sml

Eine weitere Huldigung des gründerzeitlichen Grünviertels im heutigen 18. Bezirk. Werner Rosenberger muss ich danken, dass er aufmerksam genug war um die Villa des Schmuckfabrikanten Georg Adam Scheid in der heutigen Gregor Mendel Straße 25 in sein Buch aufzunehmen. Sie gehört zu der Geschichte der Pioniere im Cottage, ein Umstand, den Rosenberger nicht beschreibt, den er auch nicht wirklich wissen kann.

Das Cottage um die Jahrhundertwende war eigentlich ziemlich unbequem zu bewohnen.
Im Winter keine Schneeräumung und bei Regen eine Schlammrutsche von oben bis unten. Aber wer modern sein wollte, es sich leisten konnte und dem Fortschritt verpflichtet war, musste da wohnen.

Georg Adam Scheid war es! Mit 15 Jahren lief er aus seinem Elternhaus in Baden Wüttenberg davon und schlug sich nach Pfortsheim durch. In der Stadt des Schmuckes lernte er das kennen, was er später in Wien als Fabriksinhaber produzieren sollte: hochwertige Gold und Silberwaren - und eben auch Auchentallers Kreationen, wobei der Künstler sein Schwiegersohn geworden war.

Werner Rosenberger betitelt das Kapitel über Auchentaller:
«Georg Adam Scheid, der Secessionist und der Magnetiseur». Er erzählt Bekanntes wie weniger Bekanntes.
Ok, die sogenannte Villa Scheid von damals ist heute die Botschaft der Republik Korea - bekannt!
Die Villa wurde von Architekt Josef Hackhofer geplant und errichtet. Hackhofer ist heute einer der weniger bekannten Architekten des Wien um 1900, aber Erbauer von manchen Prunkstücken der Stadt (z.B. der Brücke über den Tiefen Graben u.a.m) - ziemlich unbekannt!
Aber das Valentin Zeileis, ein Magnetiseur, also eigentlich ein Heiler, verheiratet mit einer Mautner-Markhof (so wie Kolomann Moser), dort zu wohnen und zu arbeiten begann und ab 1906 die Villa seinen Bedürfnissen gerecht umbaute (und daher zumindest das bekannte Jugendstilfenster von Auchentaller auf die Müllhalde warf) bleibt unerwähnt - also unbekannt!

Nun gut, dafür sind ja auch wir da.

Von den Wandvertäfelungen Auchentallers für das Musikzimmer in der Villa Scheid, in dem seine berühmten
Beethoven Bilder eingefasst waren, wollen wir hier gar nicht weiter sprechen.
Immerhin: die acht Gemälde sind erhalten, zogen zu erst vom Cottage in das Landhaus Scheid in Maria Enzersdorf, dann in die riesige Villa der Thonets, dem
Lehenhof bei Scheibbs und 1938 mit den Thonets in die Nähe von Gmunden.

Jedenfalls hatte Georg Adam Scheid dem Cottage eine Note zugefügt, wie auch der ihm nachfolgende Valentin Zeileis.
Werner Rosenberger hat zu Recht ein sehr unterhaltenden Buch geschrieben.

Christine Casapicolas «Nächstes Jahr im Küstenland»

casapicola-cover

Die Linzerin Christine Casapicola arbeitet in Wien und lebt teilweise auch in Cormons, in der Nähe von Gorizia (Görz) und Grado. Mit elegantem Spürsinn erforscht sie die fast vergessenen Geschichten aus diesem Teil der ehemaligen k.u.k Monarchie in Norditalien und trifft dabei - wohl nicht verwunderlich - bald auf den Jugendstilmaler und ehemaligen Grado Bewohner Josef Maria Auchentaller. Sie verfolgt seine Spur und landet dabei bei Erika Auchentaller-Marchina, der Enkelin des Künstlers, in Südtirol.

Was Egyd Gstättner in seinem Buch dramatisiert, in dichterischer Freiheit bis ins Fantastische erweitert und in einem faszinierenden Roman zusammen fasst: nämlich das einzigartige und unglaubliche Schicksal eines Josef Maria Auchentallers, bringt Christine Casapicola - als erfolgreiche Steuerberaterin an nüchterne Fakten sichtlich gewöhnt - durch das Narrativ von Erika Auchentaller auf einen Punkt: Auchentaller war zwar der einst berühmte Maler, aber seine Frau Emma war die Chefin des «Fortino»! Eines der erfolgreichsten Jungendstilhotels in Grado, ganz vorne am Meer. Im Fortino gingen bis 1914 die Größen des Jugendstils aus Wien ein und aus.

Ab 1920 fand der Maler Auchentaller aber keine Beachtung mehr. Seine Kunst war aus der Mode, sein künstlerischer Mittelpunkt, die Secession in Wien, Geschichte und das ehemalige große Österreich zerschlagen. Kunstgeschichte wurde in Berlin, Paris und London gemacht, sicherlich nicht in Wien und schon gar nicht in Grado. Grado hat die Karriere Auchentallers zerstört, ja beendet.

Viele der anderen Geschichten und Erzählungen in Casapicolas Buch schöpfen aus ähnlichen Perspektiven, entweder einer wandert aus oder einer siedelt sich an. Das Küstenland selber wird zum Katalysator, es beschleunigt oder verlangsamt Entwicklungen der handelten Personen ohne sich selbst wesentlich zu verändern.