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Grado und das Schicksal eines Jugendstilmalers aus Wien

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Das Napoleonische Fortino

Ab 1801 stand das napoleonische Fort an der Lagunenfront von Grado,
ab 1903 die an seiner Stelle errichtete Auchentaler "Pension Fortino".

Grado und das Hotel Fortino I
Grado - Periode I (1903 - 1914)

Grado I (1904 – 1914)
Mit Hilfe guter Freunde in Wien und Grado hat Emma Auchentaller schnell ihr Geschäftsmodell für eine kleine Pension in dem damals noch unbekannten Seebad Grado durchfinanziert und begann nach den Plänen des befreundeten Wiener Architekten Josef Mayreder auf den Fundamenten eines napoleonischen Forts - in bester Lage - ihre Pension Fortino zu errichten.

1904 wurde feierlich eröffnet und zehn Jahre lang - bis 1914 - war das Fortino ein so großer Erfolg, dass es für den nach Grado mit übersiedelten Künstler (und dadurch von der Kunstszene in Wien getrennten Mann) einen solchen Karrierebruch bedeutete, von dem er sich ein Leben lang nicht mehr erholen sollte.

Selbst die romantische Laguneninsel Morgo, 1905 von Emma Auchentaller als Landwirtschaft angekauft und von Auchentaller oft gemalt, konnte als kreatives Refugium nicht herhalten. Der auf der Insel errichtete «
Petershof» (benannt nach dem Sohn der Auchentallers) war ebenso wie das Fortino mit jugendstilhaften Sgrafitti geschmückt. Morgo wurde zur letzten Ruhestätte der früh aus dem Leben geschiedenen Tochter Maria Josefa. Ihre sagenumwobene Gedenkstätte soll sich in einem Hain auf der Insel befunden haben.

Bis kurz vor dem Krieg 1914 behielt Auchentaller noch ein Winteratelier in Wien, wo er Malunterricht erteilte und das Künstlerdasein in der Kaiserstadt genoss. Hier entstanden wichtige Entwürfe und einige der großen Spätwerke. Immer wieder schreibt er in seinen Briefen, wie gut es ihm dabei ging.

Auch wenn seine engsten Freunde und Bekannten, die Molls, die Rollers, Otto Wagner, die Zacherls und wie sie alle noch geheißen haben gerne Urlaub im Fortino machten - in Wien wurde Auchentaller umgangen und vergessen. Seine sporadische Teilnahme an wichtigen Ausstellungen der Klimt-Gruppe (Kunstschau 1909, Jagdausstellung 1910, Werkbundausstellung 1914, etc.) konnte seine Abwesenheit aus Wien nicht wettmachen.

In den Sommermonaten saß er in seinem Atelier am Dach des Fortino, mit einem Panoramablick über Grado, malte die unüberhörbaren Glocken, die Turmfigur des Domes, pittoreske Stadtansichten, aber die Inspiration der Wiener Kunstszene, die Weiterentwicklung der Stilrichtungen und die Verbindung zu führenden Galerien in der Metropole Wien fehlten ihm. Seine Sehnsucht galt den Bergen und Wien – in vielen Briefen bezeichnet er sich als zum «
Prinzgemahl» verurteilt. Eine Rolle die ihm gar nicht passte.

k.u.k. Küstenland
Pension Fortino, um 1905
Original Prospekt 1904
Fortino vom Meer
um 1905

Intermezzo Grundlsee
Flucht nach Grundlsee (1914 - 1919)

Durch die Flucht aus Grado heimatlos geworden - und kurze Zeit auch im Dienste der k.u.k Armee - wohnten die Auchentallers hauptsächlich im elterlichen Ferienhaus am Grundlsee (bis 1919). Trotz der schwierigen Zeit entstanden eine Reihe von Bildern und Aquarellen des Ausseerlandes.

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie, dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Gründung eines neuen Italiens mit neuen Grenzen, erhielten die Auchentallers 1919 ihren Besitz in Grado zurück und zogen in ihre verwahrloste Pension Fortino.

Die bedeutendsten Werke des Künstlers waren vor der Flucht 1914 im Fortino eingemauert worden und konnten nach der Rückkehr wieder sichergestellt werden.

Porträt Elsa, 1902
Herbst am Grundlsee, 1918
Porträt Otto, 1918
Haus Strachwitz
Grundlsee

Grado und das Hotel Fortino II
Grado - Periode II (1919 - 1949)

Grado II (1919 – 1949)
In der Zwischenkriegszeit erlebte die Pension wiederum einen Aufschwung, dokumentiert durch das erhaltene Gästebuch, indem sich die politischen Zwänge der Zeit ungeschminkt darstellen. Das Erstarken Hitler-Deutschlands und die Nähe eines weiteren Krieges in Europa raubte dem Fortino im italienischen Grado langsam aber sicher die Gäste.

Ab den Dreißigerjahren verliert sich Auchentallers Malerei in posthume Porträts von verstorbenen Personen, interessante Aquarelle aus der norditalienischen Umgebung, aber vom Zeitgeist der Moderne ist er nicht mehr erfüllt.

Bis zu seinem Tode, am 1. Jänner 1949, lebt der vergessene Künstler im Fortino, nach dem Tod seiner Frau Emma 1945, meist schweigend und innerlich verbittert.

Das Fortino und die Insel Morgo wurde später von den Nachkommen verkauft. Das ehemalige Hotel ist heute ein Appartementhaus, die Grundzüge der alten Architektur sind noch immer erkenntlich.

Am Friedhof von Grado, einer kleinen Insel, ist Josef Maria Auchentaller und seine Frau Emma in einem schlichten Grab bestattet.

J.M. Auchentaller
Fortino 1937
Boote an der Diga, um 1900
J.M. Auchentaller
Fortino 1956
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Bild von Erzengel Michael auf der Spitze des Doms von Grado: J.M. Auchentaller für einen Werbeprospekt für Grado, 1920